LogicNOT modular Diary, Wie geht modular LiveACT?

MvKeinen

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Ich wollte schon immer so eine Art modulares Tagebuch führen. Das ist aber bisher gescheitert an verschiedenen Sachen, nicht zuletzt auch am modularen Prinzip. Ich versuchs trozdem nochmal um in dieser feedbacklosen Zeit auch mal Feedback zu bekommen, bzw. Techniken zu diskutieren. Im Bilder-thread hab ich mein derzeitiges Grundpatch zkizziert, Ich versuche hier diese Beschreibung etwas zu präzisieren und mit Einzelbeispielen aufzudröseln. Zweiter Fokus in diesem Thread soll sein Erfahrungen für modulare LiveACTs zu sammeln. Es gibt da meiner Ansicht nach ein paar spezielle Dinge die wichtig sind. Davon sind ein paar in dem Text vom Bilder Thread erwähnt. Ich versuch das mittelfristig aufzutrennen und zu vervollständigen gemäß dem Feedback.

Grundsätzlich geht es darum einen (auch für nichtmusiker) genießbaren LiveACT von 2-3 Stunden bestreiten zu können. Dies soll mit einem mobilen Setup ohne Rückenschmerzen möglich sein.

Ich fange mal an mit Bild und Video (das zweite Vid braucht noch eine Stunde zum Hochladen):

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Hier mal der noch etwas ungegliederte Text aus dem Bilder Thread:

Ich mach ca. alle 2 Monate so ein Festpatch mit dem ziel ein bis zu 2stündige LiveAct show zu machen (wenn covid dann mal rum ist). Dazwischen unpatche ich alles und schaue, dass ich neue Sachen ausprobiere. Diese neuen Experimente versuche ich dann in ein neues Festpatch zu integrieren, bzw. die gelungenen Experimente. Aber immer nur eins nach dem anderen. So ändert sich ca. alle 2 Monate das Festpatch um ca. 15-20%. Dann ist es mir aber wichtig dieses Festpatch ca. 1 Monat so beizubehalten weil ich erst nach einer gewissen Zeit eine musikalische Beziehung dazu aufbauen kann. In der Zeit wird dann die theorie immer unwichtiger und die Hände immer wichtiger. Ich finde man muss versuchen vor allem seine Ohren und Hände in direkte Abhängigkeit zueinander zu bringen. Das gelingt mir am besten wenn ich wenige komplexe Stimmen habe. Ich patche dann viel über kleinmixer und switches damit ich eine Voice komplett transformieren kann. Ich versuche auch einiges frei zu lassen indem ich die Sweetspots so "breit" wie möglich gestalte. Als modular Liveact muss man sich imo von dem einen perfekten sound verabschieden und vielmehr versuchen einen optimalen Bereich zu kreieren in dem man dann maximale variabilität hat. Grobes Beispiel: Wenn du die Hihat mit mehreren sequencerspuren fest durchmodulierst, also velocity, decay, "tone" ect. dann hast du als performer weniger möglichkeiten musikalisch-impulsiv in die Sache einzugreifen. Manchmal ist es einach cool eine kurze HiHat noch kürzer zu machen weil alles andere in der Musik danach schreit. Wenn alles hart durchmoduliert ist, dann wird das schwierig.

Zum Patch:

Octatrack ist inzwischen nurnoch send-FX fürs modular und ab und zu Sampleschleuder was dann aber noch im modular bearbeitet wird. Mein ziel ist es den Octa mittelfristig rauszuhauen, weil der ehrlich gesagt ganz schön abkackt soundmäßig im gegesatz zum rest. Klingt alles irgendwie flach. Sequencing und die meissten effekte hab ich schon ins rack verlagert (Westlicht, Happy nerding FX-aid xl, Synth tech Hyperion) brauche da nurnoch ein kleines FX-aid für delays. Sampler modul gibt es leider noch nicht was ich brauche. (Assimilator hätte die qualität, aber kein timestretching, Erika klingt nicht viel besser als der octatrack) Ich mach gerade ein Reaktor sampler um den mit meinem Expert sleepers es-9 ins modular zu integrieren, aber so ein Projekt dauert. Einzig der Mordax Sampler der vor 4 Jahren hätte rauskommen sollen wäre interessant. Aber dahört man leider nichts mehr. Vielleicht versuch ich bald mal komplett auf Samples zu verzichten dann kann ich mir den Octatrack sparen. Jetzt ist es so, dass ich ein Stereosignal (L-1 Stereo kompressor) und 1 Monosignal aus dem Modular in den Mackie kleinmixer schicke. Ein weiteres Monosignal ist der effekt send für den Octatrack. Dazu ist der Sponde mixer von IO-intruments sehr gut. Der mixt erstmal alle monosachen im Modular (türkis) und regelt auch die Send pegel (lila). Ich finds wichtig während einer längeren performance die Sendpegel zu variieren (in meinem Fall ist es delay) bzw. oft ganz rauszunehmen. Sorgt auch manchmal für abwechslung auch wenns nur unterbewusst ist. Grobes Beispiel: Hi Hat -> delay. Geil wenn mans reindreht. Noch geiler wenn mans wieder rausnimmt :cool:. Dann schicke ich noch die samples aus dem Octa (Der ist schon geil, vor allem wenns ums Zerhacken von Samples geht aber als ich den assimil8tor gehört habe war das schon ein grosser Unterschied. Vielleicht "zwingt" der timestrtching Algo ja auch das schlecht klingen zu lassen....) stereo ins rack. Das wird dann von einem Maths kanal, getriggert von einem Euclid-Kanal vom Tete/Tetrapad + VCA rhytmisiert. Da hab ich schnellen zugriff auf den Rythmus und kann so zB. sampleflächen oder Vocalsamples aus dem octa schön zerhacken. Das Ergebnis schicke ich über kleine mixer zum Hyperion oder/und Mungo D0 Delay. Wenn es ins Delay geht wird es auf einmal teil einer anderen Voice. Ist also ein Fremdsignal was sich ins feedback einer anderen Stimme mogelt.

Das Mungo D0 ist Zentrum dieser anderen (doppel)Stimme. Ich nenne sie mal Potentiell-melodiöse metaparaphone Dualsynthese :) Über switches kann ich 2 Stimmen melodiös ansteuern: Entweder "komponiert" vom Westlicht Performer oder generativ über die 2 Ladik s-180 Sequencer oder ein kombination von beiden. Bei melodiösem ist imo totale Repitition genauso schlimm wie totales Random. Daher Ist es schon gut das ganze kompositorisch über abgespeicherte Sequenzen anzugehen, es ist aber ein sehr ergibiges Werkzeug Randomness dosiert zu verabreichen. Der Westlicht hat mit seinen 4 CV eingängen total abgefahrene Möglichkeiten für diesen Zweck. Zwei davon beschicke ich mit Tete/tetrapad. Damit kann ich randomness im westlicht erzeugen. Aber nur bei den Steps die ich im Westlicht dafür "freischalte" Daher kann ich den "kern" einer melodiösen Phrase beibehalten, kann aber einge noten in der definierten Skala "herumspringen" lassen. Man muss das schon gut vorbereiten, aber wenn man das hat kann man sehr gut langeweile verhindern. Wenn die melodie Generativ erzeugt wird schicke ich dafür einen mix aus sequencern von 2x ladik s-180 und 2 Modcan LFOs als CVs in den intellijel scales. Ich steuere dann jeweils individuell die modulationstiefen von LFOs und sequencen. Der lfo muss hier unbedingt frequenzmoduliert werden, nichts schlimmeres als ein gleichbleibender lfo -> quantizer :) Das Scales ist richtig gut, vor allem wenn man oscs stimmen kann und etwas über Skalen weiss. Sehr gut wenn man viel darauf spielt. Damit werden dann 2 Oscs getrennt, oder im Falle vom Westlicht paralell angesteuert. Die eine Stimme ist Generate3 die andere der Synth tech e300. Beide kriegen jeweils einen QMMF-4 kanal spendiert, jeweils eine contour + 2 Mathskanäle auf den cutoff. Der interne mix des QMMF-4 geht dann in das Mungo d0 delay welches wiederum einen weiteren Kanal vom QMMF-4 bedient und somit das feedback herstellt. Dazwischen ist noch ein instruo tan der für mehr spielraum im bereich kurz vor der Resonanz sorgt und noch ein envelope follower der negativ auf die Amplitude des Feedback signals wirkt. Die Generate3 Stimme hat eine traditionelle ADSR instruo ceis. Die e300 Stimme hat noch ein Kanal vom Natural gate dazwischen. Ich bekomm mit dem Setup manchmal sachen hin die für mich mehr nach wavetable klingen als irgendwelche wavetable oscs. Sehr klar und variabel. Der generate wird noch von einem teil des Cwejman D-lfo Phasenmoduliert. Das cool ist, dass der "Core" output vom Generate3 durch phasenmodulation nicht variiert wird und ich ihn somit noch als Syncquelle für den modulator benutzen kann. Ich schicke den core out sogar noch in einen wavefolder um mehr nnulldurchgänge zu bekommen und so den den modulator viel hochfrequenter aber immer noch harmonisch synchronisieren zu können. Das ganze mach ich aber abschaltbar. Ist als Performacemittel sehr ergiebig Oscillator sync schaltbar zu machen. Wenn man zB weg vom tonalen will was ich nach 5minuten melodiegesäusel recht wichtig finde. Das ganze geht dann in den hyperion und das fx-aid. Leider muss ich es gerade noch als FX kette benutzen weil mir noch 2 kleine Stereomixer fehlen um jedes signal individuell auf die FX schicken zu können. Wobei ich eben auch den Wet/Dry regler oft ganz unten habe. Wie gesagt, ich finds wichtig nicht immer alle FX wege offen zu haben. Ich denke sogar grade auch über einen CV-steuerbaren Stereomixer als Sendmixer für den Hall (FX-aid) Da ich gerne lange hallfahnen mag ist es wichtig den hall nicht konstant mit signal zu beschicken sondern das mit einem VCA steuern zu können. Doepfer a-135-3 wäre gut dafür.

Das Bass ist Cwejman VCO-6 + ein zweiter E300, ziemlich krasse kombi weil beide gleich gut aber total unterschiedlich. den intervall zwischen beiden stelle ich mit dem VPME.de t43 ein. Ein super performace tool, ich hab da schon richtige Switchkombinationen eingeübt bzw. komponiert. Alles eingesteuert von einem Kanal des westlicht. Ich nenn dass mal typisch zurückhaltend Hifi-Acid :cool:. Sync von Cwejman zum E300 ist auch schaltbar, was zusammen mit FM in gleicher richtung und der möglichkein blitzschnell sehr viele intervalle herstellen zu können (cwejman octavschalter und t43 für den e300) sehr vielseitig sein kann. Die einzelwellenformen des VCO-6 werden gemischt vom SSF mixmode. Bei dem kann ich einzelne kanäle auf invertiert stellen was beim Wellenformmix von oscs sehr ergiebig sein kann. Auch PWM kann man so manchmal noch akzentuierter hinbekommen. Die beiden regelbaren Eingänge des nachfolgenden MMF-6 filters werden dann mit dem jeweiligen Osc(mix) beschickt. So kann ich leicht den einen oder anderen Osc ein und ausblenden. Wenn der e300 zB frequenzmoduliert wird also viel unharmonisches entsteht bringt es viel den Pegel deutlich runterzunehmen um eine sehr volle aber noch tonale stimme zu haben. VCA ist Vermona Quadropol angesteuert von der Frequency central system x envelope. Der FSh-1 sorgt dann noch als frequency shifter in sehr langsamen modus mit feedback für stereo pseudophasing im bass.

Bassdrum ist super einfach. Sinus vom D-LFO geht in Natural gate. Die Tonhöhe vom osc wird mit einer zweiten System x ADSR envelope angesteuert. ADSR deswegen weil sie wiederum viel spielerische möglichkeiten ergibt. So kann man mit minimalem sustain eine Art Punch erzeugen welcher dann abhängig von der gatelänge in einer zweite oomph-phase übergeht. Wenn man dann noch decay und release unterschiedlich einstellt kann man mit unterschiedlichen Gate-Längen sehr viel erreichen. A Propos Gate länge: Sehr oft unterschätzt was man in aller art von sequencen mit unterschiedlichen gatelängen erreichen kann. Vor allem bei generativen sequenzen. Auch ein Mittel um die überall drohende Langeweile zu vermeiden oder mindestens hinauszuzögern. Der sinus des D-LFO ist genial unperfekt. Das cleane Volumen ist zu hauf da, zusätzlich scheint aber auch irgendwas minimal superharmonisches mitzuschwingen was für bassdrums irgendwie perfekt zu sein scheint. Ausserdem kann ich die startphase einstellen wenn ich den mit dem BDgate synce und so einen in jeder möglichen einstellungen den klick entweder ganz verschwinden zu lassen oder eben ein bischen reinzudrehen.

Snaredrum ist rauschen -> bp filter (4. Kanal vom QMMF-4) die schaltbare distortion + die geniale resonanz vom Cwejman ist sehr snarig :) VCA wird moduliert von einem Quadrax Kanal. Tatsächlich die erste digitale envelope die ich gut finde. Gerade für perkussives. Da ist aber der Contour1 von Joranalogue noch besser. Wichtig finde ich bei den brot und butter percussions (hihat, snare) auf die charakteristik der VCA envelope eingreifen zu können. Aus solchen gründen mag ich auch keine Percussionmodule. Da ist maths natürlich gut, für percussives die Contour1 noch besser imo. Da kann man gerade bei snares viele compressoren und sogar "hall" simulieren. Decayphase zwischen linear und logarithmisch = 80er Jahre compressorengemetzel. Decayphase Exponentiell = 90er Jahre postmodern Jetset Jazz. Aber gerade benutze ich den Quadrax der das auch gut macht aber einstellungsmäßig nicht ganz so spielbar ist weil Exp/log mit einem Minipoti eingestellt wird und in verschiedenen einstellungen die Parameterabdeckung der rise und fall potis nicht mehr so richtig gut ist. Es gibt dann relativ grosse todeszonen am Anfang und Ende des Regelbereiches. Es geht aber gut. Und mich über irgendwas aufzuregen ist eher kontraproduktiv. Modular, vor allem für LiveAct bedeutet auch Kompromisse zu machen. Und da ich den 2x Maths und 2xContour lieber für anderes benutze mache ich den Kompromiss hier gerne. Ausserdem spart mir der Quadrax VCAs, weil man den pegel der envelopes modulieren kann. Was über den Snare kanal des Westlicht gemacht wird.

Genauso bei der hihat wo ich entgegen meiner Aphatie gegen Percussionmodule das HiHat von 2hp nutze. Allerdings hab ich hier das decay auf maximal um auch hier den VCA vom Quadrax modulieren zu können. Auch hier find ich Log/exp für VCA ziemlich wichtig. Die grundklänge des 2hp hihat sind ziemlich cool, lassen sich auch von verschiedenen square oscmixes zu rauschen "morphen"

Kurz gesagt: Techno

Hab grad ein paar Videos geschossen mit dem Patch. Muss das noch schneiden und mach dann einen extra thread draus. Vielleicht kann man dann die Textwand hier abtrennen. Wenn ich das lesen müsste wärs mir auch zu viel :cool:
Hab jetzt auch nicht direkt auf Rechtschreibung geachtet. Masse ist klasse.
 
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I. Warum modular?

Der Modularsynthesizer hat im Gegensatz zu anderen Synthesizern Eigenschaften die unter Umständen als klare Nachteile bewertet werden können. Ob dies wirklich Nachteile sind oder sogar Vorteile hängt ganz vom User ab, dazu später mehr:

A. Nachteile:
  1. Nicht speicherbar
  2. Kein total recall
  3. Monophon
  4. Kompromisse sind unerlässlich
  5. Technische Komplexität kann das Musizieren stören.
  6. Häufige Änderung des Setups
  7. Aufwand:
    • Finanziell
    • Organisatorisch
    • Logistisch
    • GAS
B. Vorteile:
  1. Das modulare Prinzip:
    • Architektur
    • Eingriffsmöglichkeiten
    • Das Patch als Physikalische Einheit
  2. Überlegene Möglichkeiten für lang anhaltend, dramaturgische Entwicklungen
  3. Möglicher Kontakt zu Modulherstellern
  4. DIY
 
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I. Warum modular?

A. Nachteile

A.1/2: Nicht speicherbar. Kein total recall.

Man muss sich als Modularist davon verabschieden die perfekt ausgearbeiteten, im Studio stundenlang ausgetüftelten Sounds abrufen zu können. Wenn man das nicht will dann sollte man sich gegen das Modulsystem entscheiden.
Allerdings kommt beim LiveACT ein Aspekt hinzu auf den ich später noch ausführlicher eingehen will: Man wird auf der Bühne selten die gleichen akustischen Begebenheiten vorfinden wie im Studio. Der Modularist der sein Patch beherrscht kann beim Soundcheck und vor allem auch während der Show mit wenigen Handgriffen einzelne Elemente relativ schnell anpassen. Hier sind Presets klar im Nachteil und je mehr man benutzt desto schwieriger wird es. Auch können Presets einen vom impulsiven Musizieren (ein anderer Punkt auf den ich noch eingehen will) entkoppeln. Im schlimmsten Falle wechselt man ein preset, fragt sich erstmal ob es funktioniert oder warum es nicht so klingt wie gestern, Modulation wheel rauf und runter, "naja geht so", nächstes Preset. Man ist dann nicht mehr am Kern des Musikgeschehens. Natürlich kann dies beim Modulsystem aus anderen Gründen auch leicht passieren. Dazu später mehr (Punkt A.5).

A.3: Monophon:

Für Polyphonie gibt es wie auch für Presets natürlich Teillösungen, die ich hier aus Zeitgründen nicht diskutieren will. Da man im Livekontext auch Module "sparen" muss ist das Patchen einer vollpolyphonen Stimme eher unrealistisch und man ist gut beraten sich noch einen kleinen Polyphonen daneben zu stellen. Wenn man Polyphonie allerdings erstmal nur als Mehrstimmigkeit versteht ergeben sich auch durch das Aufbrechen der traditionellen Gate-CV Verkopplung im Modulsystem ganz andere Möglichkeiten (hierzu mehr unter B.1). Schräge Intervalle, die bei Modulationen im Audiobereich auf einmal sehr viel Sinn ergeben, erzeugen eine andere Art von Polyphonie.

A.4: Kompromisse sind unerlässlich:

Es klingt zwar sehr romantisch zu sagen "Ich will mein Ding ohne Kompromisse durchziehen" zielt aber haarscharf an der Realität des Livemusikers vorbei. Vielmehr muss man sich überlegen wo man Kompromisse machen kann und wo nicht. Niemanden im Puplikum interessiert ob ich alle meine Möglichkeiten ausreitze. Da beim Modulsystem eine gewisse Grundkomplexität vorhanden ist, tut es gut die Anzahl der musikalischen Elemente gering zu halten um diese Komplexität nicht noch weiter zu erhöhen. Dazu muss man Zwangsweise auf Dinge verzichten. Dieser Verzicht ist einer der wichtigsten Entscheidungen die man machen muss wenn man sein Livesetup plant und kann auch befreiend wirken. Verzicht macht auch finanziell Sinn, aber vor allem für die Kreativität. Oft kann man durch Verzicht auf bestimmte Module seine vorhandenen viel besser kennenlernen und kreativer einsetzen. Verzicht kann auch Konzentration auf das Vorhandene bedeuten und zu einer anderen Art Kompromisslosigkeit führen. Es ist auch leichter wenige komplett wandelbare Elemente für eine langfristige Dramaturgie einzusetzen. Auch wenn man finanziell keine Kompromisse machen muss stellt sich natürlich irgendwann die Frage wer das alles schleppen soll und wo ich überhaupt noch auftreten kann.

A.5: Technische Komplexität kann das Musizieren stören.

Komplexität gehört zum Kern des Modular. Sie ist Teil der Faszination und der Besonderheit. Wenn man sie dosiert einsetzt kann sie bezüglich Dramaturgie Dinge ermöglichen die sonst nicht möglich sind. Zu viel führt jedoch zu der Gefahr der Überforderung von Performer und nicht zuletzt des Hörers. Wenn man versucht wie in A.4 beschrieben die Anzahl der musikalischen Elemente kleinzuhalten kommt man nicht umhin diese einzelnen Elemente komplex zu gestalten um sie bei einer längeren Performance abwechslungsreich und interessant zu halten. Die Frage ist also: Wo kann ich auf Komplexität verzichten im Sinne der Übersichtlichkeit und wo will ich Komplexität im Sinne des Abwechlungsreichtums?

Vereinfachtes Beispiel:

Ich habe 2 melodiöse Elemente gepatcht. Bass und Lead. Beide elemente sind spiel- und wandelbar. Nach einer halben stunde wird es jedoch langweilig und es besteht Bedarf an Änderung. Nun wäre es zu überlegen die Komplexität des Patches zu erhöhen, dass man beim performen mit wenigen Handgriffen die Rolle beider Stimmen tauschen kann. Man gewinnt also an Flexibilität und Kurzweiligkeit ohne grossen Mehrauwand an Modulen. Diese "wenigen Handgriffe" sind dann Teil der Performance und können wiederum zur Dramaturgie beitragen, vorrausgesetzt der Performer behält die Übersicht.

Durch die unendlichen Möglichkeiten im Modular darf jedoch nicht der Trugschluss entstehen, dass alles immer im Wandel sein muss. Die Zuhörer eines Bandkonzertes beschweren sich auch nicht, wenn der Bassist immer den gleichen Sound hat. Eine Performance lebt von Ruhephasen und der bewussten Gestaltung von Raum und Zeit. Auch tut es dem Performer mal gut Dinge passieren zu lassen. So rückt das Ohr als unser wichtigstes Instrument ins Zentrum des Geschehens. Die Situation ist ähnlich der eines Malers der bei der Arbeit hin und wieder ein paar Schritte zurückgehen muss um die Gesamtheit seines Kunstwerkes zu erfassen.

A.6: Häufige Änderung des Setups:

Ein Aspekt der in der elektronischen Musik oft zu kurz kommt ist das Üben. Zu schnell wird das eigene Unvermögen auf die Technik geschoben und etwas neues angeschafft. Dabei kann man nicht nur den Workflow verlieren, sondern auch eine Menge Zeit. Am Anfang einer modularen Reise ist viel Geduld nötig. In dieser Phase sind Änderungen und Erweiterungen unvermeidbar und es kann Jahre dauern bis sich langsam ein Setup herauskristallisiert. Für das routinierte Performen ist es jedoch zu empfehlen, sich für längere Zeit auf ein Setup festzulegen. Dann heisst es nurnoch: Üben!

A.7: Aufwand:
  • Finanziell
  • Organisatorisch
  • Logistisch
  • GAS
Der Aufwand in diesen Punkten ist teilweise immens und kann nur im Rahmen gehalten werden, wenn man an den richtigen Stellen die richtigen Kompromisse eingeht. Bezüglich GAS ist folgendes anzumerken: Das zentrale Element ist der Musiker und die Musik die er/sie in sich hat. Um diese innere Musik erstmal überhaupt zu erreichen sind Prozesse hilfreich die immateriell sind (Siehe Punkt II: Das Ohr). Zu viel GAS stört dabei.

Meine Methode hierzu ist ausschließlich Geräte zu besitzen die ich alleine mit Taxi oder Bus/Bahn zum Zielort befördern kann. Das Bühnensetup entspricht also dem Studioaufbau minus PC. Dies ist ein Kompromiss der mir ein paar Nachteile und extrem viele Vorteile verschafft. (Siehe Punkt III: Das Setup)
 
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I. Warum modular?

B. Vorteile:

1. Das modulare Prinzip:

Abgesehen von der Modularität bedeutet das modulare Prinzip für jeden einen ganz individuellen Ansatz. Oft wird argumentiert, dass ein Modul oder Ansatz nicht dem modularen Prizip entspricht, ob das nun Voicemodule, Semi-modulare, menüabhängige Interfaces oder subtraktive Stimmen sind. Das modulare Prinzip ist zu vielfältig als dass man es subjektiv festlegen könnte. Auch würde kein Menschenleben dafür ausreichen die gesamte modulare Welt vollständig zu erforschen, daher ist der Horizont bei jedem automatisch begrenzt. Die Akzeptanz anderer Herangehensweisen gehört für mich genauso zum modularen Prinzip, wie alles andere was den Horizont erweitert.​

Architektur:​
Grundsätzlich gilt, dass durch die Notwendigkeit alle Verbindungen selbst herzustellen die typischen, vom Klavier- und Orgelspielen hergeleiteten Abhängigkeiten nicht mehr automatisch bestehen. Der Musiker entscheidet selbst welche Architektur musikalisch Sinn macht. Bei Eurorack kommt noch dazu, dass sämtliche Signale (CV, Audio, Gate, Trigger) beliebig austauschbar sind. (Ich weiss nicht genau wie das bei den anderen Formaten aussieht).​
Eingriffsmöglichkeiten:​
Durch das modulare Prinzip bestimmt der Musiker auch welche Eingriffsmöglichkeiten sich ergeben. Das ist entscheidend bei der Gestaltung eines Live Acts und wirft wichtige Fragen auf:​
Welche Strukturen lege ich fest, welche lasse ich offen?​
  • Feste Strukturen helfen dabei einen Rahmen für die Show zu entwerfen in dem dann die Dramaturgie durch kompositorische Elemente ensteht.
  • Freie Strukturen sind wichtig um impulsiv agieren zu können. Hier helfen Strukturen die einen grossen klanglichen Bereich abdecken.
Das Patch als Physikalische Einheit:​
Wenn durch die Eingriffsmöglichkeiten ein impulsives Agieren möglich wird entsteht eine physikalische und emotionale Beziehung zum Patch/Instrument. Was in der akustischen Musik nichts besonderes ist, muss man sich bei der elektronischen Musik hart erarbeiten. Ich persönlich schaffe das nur mit dem Modulsynthesizer.​

2. Überlegene Möglichkeiten für lang anhaltend, dramaturgische Entwicklungen:

Durch die grosse Anzahl an Knöpfen, Schaltern, Fadern, Reglern und digitalen Möglichkeiten der Dateneingabe und auch durch die freie Skalierung von Regelbereichen ergeben sich zu jedem Zeitpunkt eine unendliche Anzahl von Möglichkeiten. Das Musizieren besteht darin diesen Möglichkeiten bewusst Raum und Zeit zu geben. Man muss also gleichzeitig spielen und hören. Siehe II. Das Ohr​
 
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II. Das Ohr

Bei jeder Art von Musizieren steht das Ohr im Mittelpunkt. In der akustischen Musik bedeutet das, dass der Spieler das Stück und sein Instrument beherrscht und somit nicht mit der technischen Meisterschaft beschäftigt ist sondern mit dem Zuhören und der Interpretation bzw. Aktion.

Beim Modulsystem erschwert das die Technik und der damit verbundene Trieb auszuprobieren. Dieser ist zwar gut für Experimente aber bei der Performance ist es wichtig immer einen großen Anteil der Aufmerksamkeit dem Gesamtklangbild und der Dramaturgie zu widmen. Ich nenne das Zuhören. Man muss also irgendwie gleichzeitig ein Hörer sein.
 
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Vom Videodreh neulich, Veröffentlichung ende März. Visuals Flimmerkiste

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Da bei dem Videoshooting vielleicht nicht alles geklappt hat, es gab ein paar typische Fehler die ich hier auch diskutieren möchte, hab ich mal im Studio mit einem etwas verbessertem Patch ein Video gedreht. Eine Erklärung was es mit dem Affen auf sich hat ist auch dabei :cool:. Ich editiere gerade die Vollversion in der der Affe auch ein paar patchnotes von sich geben wird, hier das Intro und Teaser:

 
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Damit es nicht zu theoretisch wird hier mal mein erster Versuch einer Moduldemonstration bei Youtube.

 
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Hinweis: Post #7: II. "Das Ohr" eingefügt.

Ich versuch mich kurz zu halten um die Theorie bald abschliessen zu können. Ich freu mich schon auf etwas mehr praktische Beispiele und Demonstrationen einzelner Elemente, also dem "Tagebuch"-Teil des Threads.

Um Audio und CV für solche Beispiele gut darstellen zu können arbeite ich schon seit einiger Zeit immer mal wieder an einem Scope in NI Reaktor. Mein Expert Sleepers ES-9 kann die DC-Filter der ein- un Ausgänge deaktivieren und dadurch kann man CVs akkurat in Reaktor darstellen.

Hier mal ein Beispiel: (Wichtig: 1080p einschalten!)

 
Stue

Stue

Maschinist
Super Klasse, dass Du hier Einblicke in Dein Live-Setup und Deine Vorgehensweise gewährst - die in der Ausführlichkeit leider rar gesät sind.
 
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Danke für das Feedback! freut mich sehr!

hier noch das Video vom Shooting neulich. Die ersten 20 minuten sind ok bis gut. Danach ist es ein gutes Beispiel für Dinge die man falsch machen kann. Dann wirds wieder besser. Hab ich insgesamt schon um einiges besser hingekriegt.


Werd jetzt ne kleine Pause machen weil ich ein Oszilloskop in reaktor baue um ein tool zu haben womit ich dann wellenformen oder CVs schön darstellen kann. Oben im Video post #13 sieht man schon den Prototyp.
 
 


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