Und hier Teil 2:
Ende der Siebziger senkt sich der Schulze-Stern dem Nadir entgegen: Zwar ist sein Name immer noch ein Garant für einflußreiche teutonische Elektronik der ersten Liga, und mit Alben wie “Mirage” und “X” setzt er Meilensteine, allerdings beginnt Schulze auch, andere in sein bis dato hermetisch abgeriegeltes Solowerk einzuführen: Zuerst ist es Arthur Brown, dessen Hit “Fire” es Schulze schon seit langem angetan hatte, der auf LPs wie “Dune” und bei zahllosen Livekonzerten Schulze begleitet und Schulzes Klänge als Staffage für seine Ego-Show gebraucht. Außerdem kommen der Cellist Wolfgang Tiepold und SANTANA-Perkussionist Michael Shrieve hinzu, um schließlich unter tätiger Mitwirkung des klassisch geschulten Bassisten und Keyboarders Rainer Bloss am künstlerischen Ausverkauf Schulzes mitzufeilen. Auch Schulzes Versuch, durch Gründung einer eigenen Plattenfirma namens IC der Industrie ein Schnippchen zu schlagen und der medial unterrepräsentierten Elektronik eine Nische zu bauen, mißlingt, denn bis auf einer Gruppe namens IDEAL gelingt kaum einem der eben so zahl- wie belanglosen Artisten auf dem IC-Label der richtige kommerzielle Durchbruch. Das nach dem Verkauf von IC aus der Taufe gehobene Label
inteam macht schon nach einer Handvoll Veröffentlichungen den Deckel zu -- immerhin erscheint hier 1984 Manuel Göttschings epochales Werk
E2-E4 zum ersten Mal. Aber auch
Aphrica mit dem Wiener Künstler Ernst Fuchs, welches nach nur wenigen hundert gepreßten Exemplaren wieder in der Versenkung verschwindet. Selten waren Glanz und Grauen so nahe bei einander.
Alben wie “Audentity” oder “Inter*Face” vergraulen Mitte der 80er selbst bis dato treue Fans, da Schulze sich sowohl klanglich als auch musikalisch auf einen Pfad begibt, den kaum einer nachvollziehen kann oder will. Zwar bleibt Schulze ständig aktiv, tourt gelegentlich (wobei er allerdings mehr im Ausland denn in der Heimat auftritt) und veröffentlicht zu Beginn der 90er Mega-CD-Boxen wie die “Historic Edition” oder die “Silver Edition”, um Ende des 20. Jahrhunderts Compilations (Übelredner sprechen von “Entrümpelungen seines Tonarchivs”) Boxen wie die “Jubilee Edition” und die “Definite Edition” (mit sage und schreibe fünfzig CDs) folgen zu lassen. Keine Frage: Der Mann beruft sich nicht nur auf Wagner, sein Oeuvre ist ähnlich umfangreich wie eine Karajan-Werkschau. Und nicht nur das: Schon von jeher beschäftigt sich Schulze mit Ballettmusiken und elektronischen Opern, was in der Produktion “Totentag” gipfelt, die kaum mehr einer verstanden hat. Major Tom, völlig losgelöst, oder ein Künstler, der nicht seiner Zeit voraus ist, sondern dessen Hörer weit der Zeit hinterher sind?
Just, als der Name Klaus Schulze nur noch einem engen Kreis von Eingeweihten – emsig gehütet und zusammengehalten von Schulze-Manager und –Schäfer Klaus Dieter Mueller – ein Begriff ist, entdecken Kinder, deren Eltern 1972, als Schulzes erste Solo-LP “Irrlicht” erschien, selbst noch am Joint gezogen hatten, plötzlich die eigentümlichen Klangkonstrukte des Berliners und Wahl-Heidebewohners Klaus Schulze wieder. Das Phänomen heißt “Techno”, und man schließt einander in die Arme wie längst verloren geglaubte Brüder: Schulze wird als Urvater und Apostel der Rave-Bewegung zelebriert, während sich Schulze eine Frischzellenkur verschafft, indem er mit Peter “Namlook/FAX” Kuhlmann die Kräfte bündelt und unter dem Projektnamen “Dark Side of the
Moog” eine Reihe von Tonträgern folgen läßt, die das Niemandsland zwischen Techno und psychedelischer Kosmik, Experiment und Struktur erschließen wollen. Auch SNAP gehören zu denjenigen, die sich mit Schulze zusammentun, wie in den Achtzigern bereits ALPHAVILLE. Der Name Schulze hat immer noch seine Zugkraft; nur lag er jahrelang ein wenig angestaubt im Schrank, wie ein alter Hut, den man plötzlich wiederentdeckt und sich freut, daß er einem immer noch gut gefällt und daß er einem immer noch paßt. Jüngstes Beispiel für die Verehrung, die den alten Berliner Recken noch stets zuteil wird, ist ein Konzert in London im April 2000 auf einem Festival, das Archdrude und Urpagan Julian Cope (Autor des “Krautrocksamplers” und einst Mitglied bei TEARDROP EXPLODES) auf die Beine gestellt hat. Schulze´sches Urgestein neben industriell-experimentellem Krach von COIL, Neo-Psychedelik von UNIVERSAL PANZIES oder atonalen Merkwürdigkeiten von ANAL und QUEEN ELIZABETH. Ob das gutgeht? Es geht, wie zwei CDs mit Konzertmitschnitten belegen.
Über alte Hüte, alten Wein in neuen Schläuchen (oder umgekehrt), alte und neue Weggefährten, Biovital und andere Drogen spricht Stephen Parsick mit Klaus Schulze in der nächsten Ausgabe von TEXTUNDTON.
Die Fragen erspare ich Euch dann doch lieber...
Stephen