Modartt Organteq

Liebe Musiker_innen,

seit längerer Zeit verfolge ich die virtuelle Pfeifenorgel "Organteq" von Modartt, die auch schon die ausgezeichnete Klavieremulation "Pianoteq" veröffentlicht haben.

Bei Organteq handelt es sich um die Emulation einer Pfeifenorgel, die auf Physical Modelling basiert. So etwas gibt es sonst nur in Hardwareform von der Firma Viscount (ein Hersteller digitaler Orgeln), die mit ihrem "Physis"-Konzept vor vielen Jahren einen neuartigen Trend in der Orgelwelt eröffnet hatten, da fast alle übrigen digitalen Orgeln auf Samples basieren. Ich selbst besitze einen "Physis"-Viscount-Expander, den CM-100, bei dem sich die "Physical-Modelling"-Pfeifenorgelklänge im Klangcharakter in mehreren Parametern den eigenen Wünschen entsprechend einstellen lassen. Einiges lässt sich allerdings nicht justieren, z.B. die Windstößigkeit (also das kurzzeitige Nachgeben des Luftdrucks beim Anschlagen einer Taste) oder die exakte Einstimmung der Halbtonschritte (es gibt nur vorgefertigte Temperierungen). Auch sind die Parameter für die Klangcharakteristik m.E. zu grob in der Justage. Da geht also insgesamt noch viel mehr.

Daher verfolge ich mit großer Spannung die Software "Organteq", in der Hoffnung, endlich mehr Möglichkeiten in der Klangformung zu erhalten.

Allerdings gibt es seit geraumer Zeit nur die Alpha-Version mit zwei Flötenregistern. Die finale Version ist "to be released during 2019", so steht es immer noch auf der Webseite. Weiß jemand von Euch genaueres zum Release-Termin?

Liebe Grüße von

Robert!
 
Heute ist es endlich soweit: Modartt hat die Software Organteq in der Version 1.0 veröffentlicht.

Auf ihrer Webseite ist das Programm nun in der ganzen Pracht zu sehen: https://www.modartt.com/organteq

Meine anfängliche Erwartung wurde leider etwas gedämpft, als ich gelesen habe, dass sich Organteq einem ganz speziellen Orgeltyp widmet, nämlich der französischen romantischen Orgel vom Typ Cavaillé-Coll. Das schränkt m.E. das Repertoire etwas ein, da der Klangcharakter der Register sowie der Spielhilfen (Schwellwerk, Koppeln) natürlich auf die entsprechende Orgelliteratur (z.B. Charles-Marie Widor oder Louis Vierne) zugeschnitten sind.

So hoffe ich darauf, dass Modartt in den nächsten Jahren noch einige andere Orgeltypen (z.B. der barocke norddeutsche nach Arp Schnitger) als Add-On anbieten werden.

Was ich aber sehr gelungen finde, ist der Klang der Register; diese lassen sich nur sehr schwer von einer CD-Aufnahme einer echten französisch-romantischen Orgel unterscheiden. Der (eingebaute) Nachhall ist ebenfalls überzeugend. Eine nette Beigabe ist auch das Nachempfinden der mechanischen Zusatzgeräusche wie das "Klack"-Geräusch beim Einschalten der Register.
 

Sanguinea Project

lupDujHomwIj lubuy'moH gharghmey
Nicht schlecht, aber 200 Euro ist ein Wort. Hauptwerk ist sogar noch etwas teurer, aber hast Du Dir die mal angesehen? Ich liebäugele schon länger mit Hauptwerk, mache aber zu wenig mit Pfeifenorgeln, als dass sich die Ausgabe lohnen würde.

\Edit: bei Hauptwerk gibt es Schnitger-Packs. Ich habe mir mal wieder einige Soundbeispiele von den unterschiedlichen Orgeltypen angehört und bin wieder bei der Fraktion des niederländisch-deutschen Barock gelandet - muss an der Soundsozialisation liegen. :).
 
Zuletzt bearbeitet:
Nicht schlecht, aber 200 Euro ist ein Wort.
Das stimmt zwar, wenn es um die reine Summe geht, aber für so eine spezielle Software ist der Preis völlig in Ordnung.

Hauptwerk ist sogar noch etwas teurer, aber hast Du Dir die mal angesehen?
Ja, ich kenne Hauptwerk seit Versionsnummer 1 (damals von von Martin Dyde selbst entwickelt).

Ich liebäugele schon länger mit Hauptwerk, mache aber zu wenig mit Pfeifenorgeln, als dass sich die Ausgabe lohnen würde.
Der Grund, weshalb ich Hauptwerk nicht leiden kann, ist der massive Einsatz von Samples. Die Hardwareanforderungen (vor allem der RAM-Bedarf) für eine große Orgel sind enorm. Da lobe ich mir eine Physical-Modelling-Lösung, die ohne den ganzen RAM-Bedarf auskommt. Außerdem werde ich das Gefühl nicht los, dass der Sound von Organteq "musikalischer" ist als der Sample-Abspieler Hauptwerk.

bei Hauptwerk gibt es Schnitger-Packs. Ich habe mir mal wieder einige Soundbeispiele von den unterschiedlichen Orgeltypen angehört und bin wieder bei der Fraktion des niederländisch-deutschen Barock gelandet - muss an der Soundsozialisation liegen. :).
Besonders interessant ist die Schnitger-/Hus-Orgel in Stade. Ein schönes Werk, ich habe mal an dem originalen Instrument gespielt. Wenn es etwas größer sein darf, empfehle ich die Schnitger-Orgel zu St. Jacobi in Hamburg. :schwachz:
 

Sanguinea Project

lupDujHomwIj lubuy'moH gharghmey
Wow, dass Du eine Schnitger-Orgel mal selbst spielen durftest - da beneide ich Dich ehrlich drum! Das muss ein Erlebnis gewesen sein, von dem man lange zehren kann.

Wegen PM/Sampling: normalerweise ziehe ich ohne Zögern PM vor, da bin ich bei Dir. Ich bilde mir ein (und ich gehe davon aus, dass es wirklich nur Einbildung ist), dass PM oftmals den originalen Sound nicht exakt trifft, aber den Charakter sehr gut rüberbringt. Samples können sich - wenn aufwändig genug gemacht - "originaler" anhören, aber irgendetwas fehlt.
Das ist wahrscheinlich reine Einbildung und wird einem Blindtest nicht standhalten, aber ich kann mich oft des Eindrucks nicht erwehren.

Daher dachte ich, als ich auf Hauptwerk aufmerksam gemacht wurde, zuerst "och schon wieder ein Sampler", war dann aber vom Sound ziemlich beeindruckt.
Ich muss mir Organteq nochmal in Ruhe anhören...
 
Wow, dass Du eine Schnitger-Orgel mal selbst spielen durftest - da beneide ich Dich ehrlich drum! Das muss ein Erlebnis gewesen sein, von dem man lange zehren kann.
Danke Dir! :schwachz: Aber eigentlich ist das bei mir recht unspektakulär... ich bin halt ausgebildeter (nebenamtlicher) Organist, hab vor vielen Jahren etliche Orgelkonzerte gespielt und bin so viel rumgekommen. U.a. war ich auch in Stade, dort allerdings "nur" als Gast an der Orgel. Die ist deshalb so bekannt, weil sie eine der wenigen großen erhaltenen Orgeln im norddeutschen Raum mit Springladen ist.

Wegen PM/Sampling: normalerweise ziehe ich ohne Zögern PM vor, da bin ich bei Dir. Ich bilde mir ein (und ich gehe davon aus, dass es wirklich nur Einbildung ist), dass PM oftmals den originalen Sound nicht exakt trifft, aber den Charakter sehr gut rüberbringt.
Genau das ist auch mein Eindruck. Ich hab (siehe Eingangspost) so einen Expander von Viscount (CM-100), mit dem die Orgelregister durch Physical Modelling synthetisch erzeugt werden. Das klappt bei fast allen Registern sehr gut - nur bei der Quintade klingt es nicht sonderlich echt. Aber dafür klingt es beim Spielen sehr musikalisch, da die Töne in Echtzeit immer neu berechnet werden. Es fühlt sich mehr wie ein echtes Instrument an als ein Sample-Player.

Dazu kommt noch, dass bei Hauptwerk die Klänge in der Regel im Raum und nicht direkt an den Pfeifen aufgenommen werden. Es klingt beim Spielen also immer nach einer CD-Aufnahme, die unten in der Kirche aufgezeichnet wurde. Dabei hört man als Organist_in das Instrument doch ganz anders, wenn man direkt vor dem Gehäuse sitzt. Das kann bei dem Prinzip Physical Modelling berücksichtigt werden; bei Bedarf kann man einen Hall dazumischen, aber er ist nicht zwingend dabei. Es macht z.B. Spaß, den Viscount CM-100 trocken abstrahlen zu lassen und zu hören, wie der Raum, in dem man sitzt, den Klang der Register mit einem kurzen Hall versieht.

Ich habe mir mal wieder einige Soundbeispiele von den unterschiedlichen Orgeltypen angehört und bin wieder bei der Fraktion des niederländisch-deutschen Barock gelandet - muss an der Soundsozialisation liegen. :).
Ich steh auch total auf diesen norddeutschen Barock-Orgel-Sound (aber bitte mit mitteltöniger Temperierung (= schwebungsfrei gestimmte große Terzen in den wichtigsten Tonarten), damit wird der Klang noch intensiver), daher hoffe ich ja, dass Modartt noch andere Orgeltypen neben der Cavaillé-Coll-Orgel nachreicht.
 

Sanguinea Project

lupDujHomwIj lubuy'moH gharghmey
äh ja - die Aufnahme der Samples im Raum hat mich auch etwas irritiert. Ich wüsste trotzdem nicht, ob ich direkt an der Pfeife aufnehmen sollte (originaler, reinerer Sound), oder doch im Raum (die Orgel in dem Raum, der zu ihr gehört). Persönlich würde ich wahrscheinlich die trockene Einspielung vorziehen, weil ich per Faltungshall die Orgel in beliebige Räume versetzen kann. Eine Schnitger im Petersdom wäre schon schräg :). Andererseits ist es auch nicht schlecht, den Sound so zu haben, wie er in den Kirchenbänken ankommt.

Im Ernst: afaik ist es eine hohe Kunst der Orgelbauer, die Orgel für den Raum, in dem sie stehen soll, zu konstruieren und zu bauen. Das würde bedeuten, dass man die Stader Orgel nicht einfach nach St. Jacobus verpflanzen kann: der Sound würde nicht mehr passen. Wenn das stimmt, müsste eigentlich gerade in dem Raum gesampled werden, zu dem die Orgel gehört. Und Schnitger im Petersdom wäre dann Quark, oder zumindest "experimental". Aber vielleicht ist das auch zu überkandidelt.
 
Ich wüsste trotzdem nicht, ob ich direkt an der Pfeife aufnehmen sollte (originaler, reinerer Sound), oder doch im Raum (die Orgel in dem Raum, der zu ihr gehört). Persönlich würde ich wahrscheinlich die trockene Einspielung vorziehen, weil ich per Faltungshall die Orgel in beliebige Räume versetzen kann.
Ich glaube, so wäre es beim Samplen die beste Lösung, weil am universellsten.

Eine Schnitger im Petersdom wäre schon schräg :). Andererseits ist es auch nicht schlecht, den Sound so zu haben, wie er in den Kirchenbänken ankommt.
Ja, aber so hört man es als Organist_in in der Regel nicht, weil man ja direkt an der Orgel dransitzt. (Ausnahme wäre ein Spieltisch mit elektrischer Traktur, der wirklich ab vom Orgelgehäuse steht, so dass man die Orgel so hört, wie es auch die Menschen im Raum hören - habe ich so mal bei Konzertorgeln gesehen. Da führt dann ein langer Kabelbaum vom freistehenden Spieltisch zur Orgel.) Deswegen ist z.B. das Brustwerk beim Spielen viel lauter als das Hauptwerk; die Lautstärkeverhältnisse im Raum sind dann wieder anders.

Im Ernst: afaik ist es eine hohe Kunst der Orgelbauer, die Orgel für den Raum, in dem sie stehen soll, zu konstruieren und zu bauen. Das würde bedeuten, dass man die Stader Orgel nicht einfach nach St. Jacobus verpflanzen kann: der Sound würde nicht mehr passen. Wenn das stimmt, müsste eigentlich gerade in dem Raum gesampled werden, zu dem die Orgel gehört. Und Schnitger im Petersdom wäre dann Quark, oder zumindest "experimental". Aber vielleicht ist das auch zu überkandidelt.
Instrument und Raum sind ein komplexes Zusammenspiel, an dem letztendlich Orgelbauer_in (Berücksichtigung des Raums bereits beim Bau der Orgel), Intonateur_in (Klang der einzelnen Pfeifen im Raum) und nicht zuletzt auch Organist_in (Erzielen eines ausgewogenen Klangs beim Spielen) gemeinsam wirken; wahrscheinlich wird Physical Modelling diesem komplexen Zusammenspiel noch am nächsten kommen, während eine Sample-Lösung nur eine Momentaufnahme zeigen kann, die stets etwas unflexibel bleiben wird.
 
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Sanguinea Project

lupDujHomwIj lubuy'moH gharghmey
danke - schon wieder etwas gelernt: ich dachte bisher, dass die Intonierung hauptsächlich bei Klavieren die Krönung des Könnens sei.
Ich bin vom Orgelbau völlig fasziniert, allerdings sind Interesse und fachliches Verständnis invers reziprok. :) Da Orgeln nicht transportiert werden, also in ihrem Raum bleiben, ist wohl neben dem handwerklichen Können das akustische Wissen bedeutsam. Und wenn ich mir Orgelbauerdokus ansehe: angefangen von der Metallurgie über die verschiedenen Bauformen bis hin zum akustischen Feinstschliff: das ist schon enorm anspruchsvoll und wirklich komplex.

Ich habe drei- oder viermal kleinere Kirchenorgeln spielen dürfen, alles nichts Weltbewegendes. Es war trotzdem faszinierend. Man hört sich selbst wirklich ganz anders (mal abgesehen davon, dass die Gemeinde beim Gesang mindestens ein Sechzehntel hinterherhängt und eigenmächtig um bis zu einer halben Oktave transponiert *gggg*).

Wenn ich drüber nachdenke, würde ich der Argumentation Deines letzten Absatzes folgen und sie als Stütze für meine pro-PM Vorliebe nehmen.
Konsequenz wäre dann aber, dass ich die per PM modellierte XYZ-Orgel aus A-Stadt mit dem Faltungshall der B-Kirche in A-Stadt spielen müsste - oder ist das zu viel des Perfektionismus?
 
Man hört sich selbst wirklich ganz anders (mal abgesehen davon, dass die Gemeinde beim Gesang mindestens ein Sechzehntel hinterherhängt und eigenmächtig um bis zu einer halben Oktave transponiert *gggg*).
:schwachz: So isses! Auch schön, wenn man selbst die geforderte siebte oder achte Strophe von so einem irre langen Gemeindelied vergisst, weil man beim Spielen vergessen hat, mitzuzählen... Oder man dem Pfarrer den Ton für die Liturgie anspielt und er dann mit einem ganz anderen Ton weitersingt...

Wenn ich drüber nachdenke, würde ich der Argumentation Deines letzten Absatzes folgen und sie als Stütze für meine pro-PM Vorliebe nehmen.
Konsequenz wäre dann aber, dass ich die per PM modellierte XYZ-Orgel aus A-Stadt mit dem Faltungshall der B-Kirche in A-Stadt spielen müsste - oder ist das zu viel des Perfektionismus?
Nein, das ist völlig in Ordnung so. Ich hab das bei meinem Viscount-Expander so gehandhabt. Die Orgelsounds kommen trocken aus dem Gerät (der eingebaute Hall ist nicht gut) und der Hall wird von dem kleinen aber feinen TC M100 beigesteuert. Ich verwende einen kurzen Room-Hall, um eine Dorfkirchenakustik zu bekommen. Das Ergebnis ist mehr als brauchbar.
 


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