Moognase – Sheffield Tracks

zu hören. Mehr Nase, weniger Moog – Ist alte Musik, auch nur eins mit nem
Moog drin, aber das Zeug gibt vielleicht einen irgendwie ganz lustigen
Einblick in frühere Zeiten.

Moognase: Im bizarren Mikrokosmos von Steel City – Sheffield, 1998 – 2003

Sheffield sah bei meiner Ankunft im November 1998 hässlich und
runtergekommen aus. Da ich mich aber um diese Zeit genauso runtergekommen
und hässlich fühlte, damals, schloss ich die Stadt sofort ins Herz.
Sheffield passte wie die Faust aufs Auge. Es roch nach Stahl, es nieselte,
und Plastiktüten flatterten in den Bäumen. Ich war entzückt und hechtete
wie ein junger Dackel in den Regen.

Als ich aus dem Bahnhof rauskam, war mir noch nicht so richtig bewusst,
dass ich’s in den nächsten Jahren mit einer Stadt zu tun haben würde, die
mich musikalisch prägen und beglücken würde wie kaum eine andere. Ich
hatte einen tollen Job als Videospiele-Übersetzer geangelt und konnte ein
völlig deprimierendes Dasein als trübtassiger Lagerschlepper und
Supermarktfritze in Deutschland zurücklassen und endlich wieder mein
eigener Cheffe im Leben werden.

Mitgebracht hatte ich nur wenige Dinge: Klamotten, etwas Geld, und zum
Tagebuchschreiben meinen nagelneuen QY700 mitsamt einem dicken Stoß
Floppy-Disks zum Auffüllen. und so ausgerüstet quartierte ich mich
heiterer Dinge im YMCA der Stadt ein.

Wenn man per Traumexil sein Leben umkrempelt, hat man eimerweise Ideen und
Energie und freut sich über jeden Mist. Einer meiner ersten Aufträge war
die Übersetzung eines Programms zur Musikbearbeitung. Ich war im Himmel.

Abends setzte ich mich immer in meinem Zimmer vor den Sequencer und
zeichnete alles auf, was mich tagsüber erheitert hatte. Jeden Tag habe ich
mich über irgendwas kaputtgelacht. Vom Übersetzen hatte ich wenig Ahnung,
also musste ich rasch dazulernen. Immerhin war ich meschugge genug, mich
durch absolut nichts aus der Bahn werfen zu lassen.

Und weil ich neben dem Übersetzen auch das Spiele-Spielen erlernen musste,
lesen sich die heiteren Titel aus meinem musikalischen Tagebuch wie die
Levelabschnitte eines Bubblegum-Videogames: Hackfleisch-Action, In a Dark
Room, Virtual Balls, Duck Mandarin, Hazel Crazel, Andere Enten.

Nachts klopfte es manchmal an der Tür, und ein Mitbewohner, der in einer
konservativen religiösen Gemeinde in Salt Lake City aufgewachsen war, kam
und heulte sich bei mir aus. Er zeigte mir gerne seine Sammlung
japanischer Pop-CDs und eine winzige Puppe, die er liebte. Im Gegenzug
heiterte ich meinen neuen Freund mit der Musik aus meiner Yamaha-Kiste
auf. ich glaube, man kann sagen, es war alles ziemlich merkwürdig.

Das war noch alles lange, lange vor meiner Moognase-Zeit, denn ich hatte
keine Kohle und keinen Platz für dicke Synthesizer. Statt mich mit großen
Kisten abzumühen, lebte ich leicht und wirklich unbeschwert mit dem
kleinen Yamaha. Ich latschte viel, quer durch meine neue Stadt, raus in
den Peak District, über windige Felder und durch schlonzigen Modder, und
ich fühlte mich wie Graf Koks. Skipping Through the Heather.

Im Job habe ich saugeiles Zeugs gemacht: Für Rennspiele Voice-Overs
sprechen, nach Liverpool fahren und irgendeinen Quatschkram testen, in
einem coolen Aufnahmestudio Game-Sprecher anweisen, wie sie ihre Texte
vortragen sollen. Kaum irgendwas von dem Fun entging meinem messerscharfen
Sequencer-Style.

Sheffield ist eine schnodderige Stadt. Am Wochenende zieren Kotzhaufen die
Bürgersteige, Pintgläser stehen rum, halbvoll mit Bier oder Pisse, Müll
liegt unter den Betonbrücken. Alles Zeichen dafür, dass hier gelebt,
gesoffen und gefeiert wird.

In meinem ersten halben Jahr habe ich über 100 neue Lieder aufgenommen. Es
war unglaublich, jeder Tag war ein Knaller. Ich fing an, gelbe Enten zu
sammeln. Keine Quietsche-Ente war mehr vor mir sicher, ich musste sie alle
haben. Kollegen schenkten mir welche, und ich stellte sie alle auf mein
Regal. Arbeit, Musik, Enten, Schlafen, Arbeit, Enten, japanischer Pop,
Schlafen, und fast jeden Tag ekelte ich meine Kollegen mit aktuellen
Berichten über immer ausladendere Kotzhaufen, die ich irgendwo entdeckt
hatte.

Sheffield ist hügelig, das muss man wissen. Nirgends sonst ist mir das
Phänomen der Downhill Vomit Streams so sehr aufgefallen wie dort.
Kotzhaufen, die die Straße runterglitschen. Super!

Irgendwann bezog ich dann eine richtige Wohnung, besorgte mir einen Rogue
und war wieder im Himmel gelandet. Meine neue Bude guckte auf die Stadt
runter, ich konnte in der Ferne die blassen Hügel des Peak District sehen,
und der berüchtigte Drogendealer-Norfolk-Park lag mir zu Füßen. An
sonnigen Tagen schnappte ich mir ein Buch und legte mich auf die Wiese im
Park und las ein gutes Buch. Sheffields öffentliche Bibliothek rockt. Sie
beherbergt richtig totgekratzte Stockhausen-LPs, Knallhartes von Throbbing
Gristle, eine ordentliche Partiturenabteilung und eine ansehnliche
Klezmer-Sammlung. Ich hatte meine Fundgrube gefunden. Und allzu laute
Beter wurden aus dem Referenzbüchersaal gekickt.

Kaum hatte ich den neuen Klapper-Moog erlernt, wechselte ich den
musikalischen Kurs, und aus fröhlichem Sequencer-Bubblegum-Folk wurde
Space-Musik, und das brachte es wieder völlig. Vergessen waren die
Kotzhaufen und der Siff, jetzt ging’s rauf zu den Sternen und mitten in
die Vergangeheit.

Sheffield wurde im Zweiten Weltkrieg schwer zerbombt, wegen der
strategisch wichtigen Stahlindustrie. Viele Gebäude wurden dem Erdboden
gleichgemacht, und Hunderte von Menschen starben im Bombenhorror. Wenn man
oben auf einer der Hügel steht und auf die blasse, fleißige, dynamische,
glitzernde und raue Stadt runterblickt, kann man sich nicht vorstellen,
was das für ein Mist gewesen sein muss. Heute machen sie Buttermesser oder
Gürtelschnallen oder Gothic-Schmuck oder sonstwas. Und immer mehr
Hightech-Unternehmen siedeln sich hier an. Und man merkt es auch. Der vor
Jahren noch umwerfend hässliche erste Blick aus dem Bahnhof ist
verschwunden. Rollt man heute mit dem Zug in der schicken Full-Monty-Stadt
an, sabbert einen auf dem Gelände draußen sofort ein riesiges
Wasserspektakel und ein glitzerndes Alufoliendingsbums an, an dem Wasser
runtergluckert, und unglaublich hübsche Mädels sitzen rum und geben sich
einen Lenz in den zahlreichen Cafés der Stadt.

Nach ein paar Jahren hatte ich Unmengen von eigenen CDs und etwas Geld
akkumuliert – und was macht man mit Geld? Heiraten? Iwo, man holt sich
einen Voyager, keine Frage. Wozu lebt man schließlich? Und wenn man
Hummeln im Hintern und eine Meise unterm Pony hat, zieht man nach Irland.

Kurz nachdem also mein neuer Voyager geliefert wurde, dieses
Midlife-Crisis-Musik-Vehikel, das war so im April 2003, habe ich meine
Koffer gepackt und bin für immer aus Sheffield weggezogen. Aber wenn ich
in heute meinem Archiv rumstöbere und die vielen optimistischen Lieder aus
Sheffield durchhöre, kriege ich die heftigsten Jollies.

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