Der Alchemist – Mein Leben im Studio
Kapitel 1: Vom Klavier zum Synthesizer
Mit fünf Jahren begann ich mit Klavierunterricht und simulierte regelmäßig Bauchschmerzen, um mich zu drücken. Ab der zweiten Klasse kam ich auf eine typische Ostblock-Musikschule, wurde zum Konzertpianisten ausgebildet – und stellte fest, wie langweilig es wäre, ein Leben lang dieselben fünfzig Standardkonzerte zu spielen. Also studierte ich Dirigieren, und nach meinem Weg aus Rumänien machte ich in Frankfurt meinen Abschluss in Komposition und Dirigieren. Schon währenddessen arbeitete ich als Studiomusiker und Arrangeur, dann als Produzent. Das Geld habe ich immer in Geräte investiert, so dass ich eigentlich schon immer mein eigenes Studio hatte. Hast du keins und dir fällt um vier Uhr morgens etwas ein, musst du erst in einem Studio anrufen und nach einem Termin fragen – dann ist die Idee schon verblasen.
enigma-music
Das Klavier habe ich nie weggegeben, aber ich ertappte mich über die Jahre dabei, dass ich am Klavier immer wieder beim gleichen Lied landete. Ab dem Tag, an dem ich es gegen den Synthesizer tauschte, wurde mein Spektrum viel größer – ich konnte immer noch eine reine Piano-Ballade schreiben, aber auch in vollkommen andere Richtungen gehen.
planet-interview
Mein klassisches Studium kam erst mit Enigma richtig zur Geltung. Wenn ich eine Kirchentonart höre, weiß ich genau, was das ist und was ich unterlegen muss – andere probieren erst drei Tage. Ich weiß, wie man für ein Streichquartett komponiert, und auf der neuen Platte gibt es Passagen, die wie E-Gitarre klingen; Gitarristen, die früher für mich gespielt haben, glauben mir nicht, dass ich das am Synthesizer eingespielt habe. Ich wähle einfach die Noten und Griffe, die ein Gitarrist wählen würde.
planet-interview
Kapitel 2: Wie Enigma entstand
Die Idee war simpel: der ewige Streit zwischen Sexualität und Kirche. Nach dem Song “Sadeness” sagte ich zu Sandra, das werde entweder ein Riesenhit oder gar nichts. Ich wollte anonym bleiben. Ich war damals schon sehr erfolgreich und wollte nicht, dass die Musik deswegen anders beurteilt wird. Ich wollte die Musik losgelöst von jeder Information – und sehen, ob so etwas funktioniert. Die Musik sollte für sich allein stehen; das Geheimnisvolle sollte nicht von den Vorurteilen überlagert werden, die mit der Vergangenheit eines Produzenten kommen.
Michael Cretu im Interview: "Mit Live-Musikern hätte ich Enigma nie machen können." - Planet Interview +3
Als dann ein Dutzend Kopien von “Sadeness” auf dem Markt waren, störte mich das nicht. Ich war stolz und geschmeichelt, dass meine Musik einen Trend ausgelöst hatte – morgen kopieren sie jemand anderen. Das große Missverständnis war ohnehin, dass das ganze Album voller Choräle sei. “Sadeness” war nur ein Teil des Puzzles. Die Kirchenproteste? Das war eine Kapelle, die ihre Rechte längst an eine Plattenfirma verkauft hatte. Und in Hollywood kam nach einem Interview ein Kirchenvorsteher auf mich zu und bedankte sich: seit die Platte draußen war, kämen dreimal mehr junge Leute in seine Kirche.
Cretu's Credo: Being Unique Can Bring Great 'Sadeness' +2
Kapitel 3: Alchemie
Ich sehe mich als musikalischen Alchemisten. Ich habe die gleichen Zutaten wie jeder andere, keine speziellen Geräte – ich mische sie nur ein bisschen anders. Im Mittelalter stand der Alchemist vor Eidechsenblut, Erde und einem Ziegelstein und hoffte auf Silber. Manchmal kam es heraus, manchmal nicht – und das ist das Schöne: Man verfolgt ein Ziel, und das Ergebnis ist etwas vollkommen anderes. Man braucht die Fähigkeit, innerhalb einer Sekunde einen Plan zu verwerfen, der ein Jahr alt ist, weil etwas anderes besser ist.
planet-interviewenigma-music
Die Materialsuche ist das Mühsamste. Seit Enigma 1 habe ich Hunderte, wenn nicht Tausende CDs, Platten und Sample-CDs durchgehört, und brauchbar ist davon nicht mal ein Prozent. Viele denken, ich entdecke einen Sound, lege einen Rhythmus drunter und fertig. Wer sieht, aus welchen Signalen ich noch eine Melodie zusammenbastele, schüttelt den Kopf. Beim dritten Album wechselten sich in “The Child in Us” Sanskrit, Gregorianer und Mongolen ab, dazu mein eigener Gesang – und es klingt organisch. Man sagt: schönes Lied, ohne über das Wie und Woher nachzudenken. Dann war meine Arbeit richtig.
enigma-musicenigma-music
Kapitel 4: Die Nacht und die Arbeit
Ich arbeite ausschließlich nachts. Wenn es dunkel wird, fange ich an, wenn es hell wird, höre ich auf. Nachts klingelt kein Telefon, kein Gärtner nervt. Ich frühstücke mit meinen Kindern, bevor sie zur Schule gehen, und gehe dann ins Bett. Die Zeit, die ich tatsächlich an den Stücken arbeite, ist gar nicht so lang. Es dauert viel länger, in die Atmosphäre eines Liedes einzutauchen – manchmal höre ich zwei Stunden nur zu, und dann finde ich plötzlich die passenden Sounds und Worte sehr schnell. Im Sommer bin ich oft nachts durch den Garten gegangen, habe in den Himmel geschaut und ein bisschen kosmischen Staub eingeatmet, bevor ich ans Werk ging.
planet-interviewenigma-music
Mein Arbeitsprinzip ist Total Recall: Ich arbeite parallel an sieben bis acht Stücken, und alle Einstellungen sind jederzeit abrufbar. Nach fünf Stunden an einem Lied merke ich, dass ich nicht mehr objektiv bin – dann bin ich in einer Viertelstunde in einem völlig anderen Stück. Die Singles kristallisieren sich meist früh heraus, aber oft fehlt noch etwas Entscheidendes. Bei “Beyond the Invisible” fehlte lange der zweite Vers; ich hatte fast aufgegeben, und als ich es am wenigsten erwartete, war der Teil plötzlich da. Und ich verlasse mich fast nur auf mein eigenes Urteil – außer bei zwei, drei Versionen, die mir gleich erscheinen. Dann frage ich Sandra, die hat einen irrsinnigen Instinkt.
15 Minuten O-Töne: Michael Cretu (German Version) | The Enigma Archives +2
Kapitel 5: One Man Factory
Ich übe sieben, acht Berufe aus, die mit der Herstellung einer CD zu tun haben, und die fließen ineinander über. Ich arbeite am besten, wenn man mich ganz allein lässt. Wenn ich jemandem vermitteln müsste, was ich will, wäre die Sprache zu unterdimensioniert für die Details – und die andere Person würde alles durch ihren Filter nehmen und etwas anderes daraus machen. Enigma bin zu 95 Prozent ich. Auf sechs Alben waren vielleicht bei fünf Liedern Gastsänger und bei vier ein Gitarrist dabei. Bei “A Posteriori” sind es 99,8 Prozent. Dass ich selbst singe, hat mich lange genervt, aber beim dritten Album machte es mir zum ersten Mal Spaß – und es ist praktischer: In mir schlagen zwei Adern, der Richter, sprich der Produzent, und der Künstler. Scheinbar kann ich diesen Schalter ganz gut bedienen.
Michael Cretu im Interview: "Mit Live-Musikern hätte ich Enigma nie machen können." - Planet Interview +3
Mit Live-Musikern hätte ich Enigma nie machen können. Die Technik ist nicht mein Master – sie muss auf mich hören –, aber sie ist mein Freund und Helfer. Live-Auftritte wird es wohl nicht geben: Das auf die Beine zu stellen dauert so lange wie eine neue Platte, und ein neues Liedchen gibt mir zehnmal mehr als 30.000 Menschen, die mich bejubeln.
planet-interviewplanet-interview
Kapitel 6: Vom A.R.T. Studio zu Merlin
Im Grunde waren wir 1990 schon da, wo wir heute sind. Es gab MIDI, und ich habe damals alle Bandmaschinen aus dem Studio geworfen und nur auf Festplatte aufgenommen – da war ich einer der Ersten. Mein alter Waveframe 1000 war die Maschine, die Enigma 1990 überhaupt möglich machte – das erste wirklich professionelle digitale “Studio-in-a-box”. Mein Studio war nie eine Kirche – aus Geräten kann keine Kirche entstehen. Es ist mein Wohnzimmer und mein Cockpit zugleich.
Michael Cretu im Interview: "Mit Live-Musikern hätte ich Enigma nie machen können." - Planet Interview +2
Mit “A Posteriori” habe ich die Platte praktisch nur noch am Computer gemacht. Aus Melancholie kamen zwei Synthesizer dazu, der Rest ist ausschließlich mit Plug-ins entstanden. Die Fehlerquellen einer überkomplexen Maschine haben sich auf ein Minimum reduziert, und so konnte ich mich der rein musikalischen Arbeit widmen wie nie zuvor. Daraus wurde der Alchemist, und daraus wurde Merlin: maßgeschneidert für meine Arbeitsweise. Der Alchemist war der Prototyp, und mit der Technik wurde alles kleiner und zugleich fortschrittlicher. Das Konzept: Die äußere Hülle überlebt die Zeit, das Innere lässt sich jederzeit erneuern. Merlin ist nicht nur ein mobiles Studio; es sitzt an der Schnittstelle zwischen Spielen, Aufnehmen und Mischen.
Michael Cretu im Interview: "Mit Live-Musikern hätte ich Enigma nie machen können." - Pla