Roland XP-60 oder Kurzweil K2000?

Dieses Thema im Forum "Sampler" wurde erstellt von Murano, 29. Oktober 2010.

  1. Murano

    Murano Tach

    Ich überlege mir, bei Gelegenheit eine der günstig gewordenen 90er-Jahre-Workstation für den "Alltagsgebrauch" anzuschaffen - also so eine typische Brot-und-Butter-Maschine, die Arpeggiator und gescheite resonanzfähige Filter an Bord haben und gut tönen sollte. Aus Platzgründen wären 61 Tasten bevorzugt.

    Zwei Teile sind auf meiner Liste ganz oben: Rolands XP-60 und Kurzweils K2000. Habt Ihr Erfahrungen mit den Teilen? Welches ist empfehlenswerter?
     
  2. ich kann nur für den K 2000 sprechen:

    er hat einen guten sequencer an bord, aber keinen arpeggiator.

    die werkspresets sind schon sehr late80ties , aber das potential zum klangverbiegen ist enorm.
    für aggro/ industrial/click/britzel auch heute noch eine gute quelle, da vast synthese.

    die präsenz der klänge ist selbst heute noch erstaunlich.

    die eingebauten fx sind nicht mehr zeitgemäss.


    bei den heutigen preisen sollte jeder einen haben :)


    ich hatte von roland den jv2080, der musste aber gehen, der k2000 durfte bleiben.

    wenn ch pop/rock/mainstream machen würde wäre dies wahrscheinlich genau umgekehrt.
     
  3. Nach welche Maßstäben soll man "empfehlenswerter" aussprechen?

    Grobe Richtung imho: Der Klangbastler wird eher am Kurzweil K2000 froh, der Nutzer einer Vielzahl fertiger (und guter) Klänge eher am Roland XP-60. Das, was der Maschinenmusikant gesagt hat, unterstütze ich. Es hängt durchaus von der angestrebten Musikrichtung ab - der XP-60 kann imho kein Aggro.
     
  4. Ich hätte schwören können, ich hab hier geantwortet. Aber egal, mach ich's jetzt.

    Ich selbst habe je zwei (!) XP-80 (die XP-60 ist die 61-Tasten-Version der XP-80) und K2000, also kann ich aus Erfahrung Folgendes erzählen:

    Klangarchitektur: Die XP-80 ist aufgebaut wie die anderen typischen JV/XP-Synths von Roland. Jedes Patch hat im Prinzip bis zu vier Tones, von denen jeder eine Stimme einnimmt, mit jeweils einem Sampleplayer, einem resonanzfähigen Multimodefilter (12 dB/Oktave, HP, BP, LP, Notch, generischer Charakter) und mehreren fest gerouteten Multistage-Hüllkurven mit jeweils fünffach für die ganze Kurve einstellbarer Form (linear, logarithmisch etc.). So ganz starr ist das Prinzip aber nicht: Die Tones kann man paarweise unterschiedlich verschalten. Normal ist ein Oszillator, ein Filter. Es gibt aber auch so Möglichkeiten wie beide Oszillatoren zu mischen und dann nacheinander durch beide Filter zu jagen, einen Oszillator zu filtern, dann beide zu mischen und zusammen durchs andere Filter zu schicken etc., und man kann die Tones auch miteinander modulieren, was für einen Sampleplayer ungewöhnlich ist. Bin mir jetzt nicht 100% sicher, was das für Modulation ist, könnte Ringmod oder Crossmod sein. Im übrigen beherrscht die XP-80 von vornherein so Tricks wie zufällige Verstimmung, Verzögern einzelner Tones oder Auslösen einzelner Tones beim Loslassen der Taste. Mit Modulationsmatrix ist nicht viel los, es gibt ein paar Slots und so einiges an Quellen/Zielen, aber wirklich Extremes geht nicht, auch keine Beeinflussung der Modulationen selbst. Die 64 Stimmen sollten einem so schnell nicht ausgehen, es sei denn, man layert wie verrückt.

    Die K2000 basiert natürlich auf V.A.S.T., das schon in seiner ersten Ausprägung auf diesem relativ schwachen Prozessor ziemlich mächtig ist. Jedes Program kann bis zu drei Layers enthalten, die jeweils eine Stimme verbrauchen und einen eigenen ganzen V.A.S.T.-Strang haben. Der hat fünf Slots. Der erste Slot ist fast immer ein Sampleplayer (nur in den Sync-Strukturen nicht, da fällt er weg), der fünfte Slot ist ein Amp, dazwischen geht fast alles. Man staunt, was man da alles an Modulen einhängen kann. Etliche verschiedene Filter (wobei das 24 dB/Oktave-Resonanzfilter alle drei Slots einnimmt und auch die guten 12 dB/Oktave-Filter zwei Slots brauchen), Oszillatoren (die auf derselben Stimme mitlaufen, also keine eigene belegen), Shaper usw. usf., auch lauter Sachen, die man selbst bei Schneiders Büro oder im G2 nicht kriegt. Auch der Signalweg ist nicht starr, nicht umsonst gibt es zig Strukturen mit verschiedener Slotaufteilung und verschiedenem Signalrouting. An Hüllkurven gibt es die fest geroutete Multistage-Verstärkerhüllkurve, zwei frei routbare Multistage-Hüllkurven und noch eine weitere AR-Hüllkurve. Multistage heißt bei Kurzweil jede Menge Stages, darunter drei Releasephasen. Modulieren kann man direkt oder über den Umweg über vier FUNs, die bisweilen ziemlich abgefahrene mathematische Algorithmen auf ein oder mehrere Modulationssignale anwenden können, etwa wie graphische Taschenrechner von Texas Instruments, die man in die Steckfeldmatrix eines VCS3 einstöpselt. Die K2000 ist also rein strukturell durchaus VA-tauglich, aber ich muß vor starkem Aliasing warnen. Das Ding wurde 1991 auf den Markt gebracht und klingt entsprechend, ist also als virtuell-analoger Moog-, CS- oder Jupiter-Ersatz allenfalls bedingt tauglich, auch schon deshalb, weil man, wenn man zwei Digitaloszillatoren einhängt und das Sample stumm schaltet, nur noch einen Slot für ein Filter hat, und auf einem Slot gibt es keine wirklich spektakulären Filter mehr. Behelfen kann man sich mit mehreren Layers, aber dann ist die Polyphonie der K2000 ganz schnell von 24 auf 8 Stimmen runter. Umgekehrt: Wenn man gar nicht zu filtern gedenkt, kann man pro Stimme bis zu vier Oszillatoren schichten, einer gesampelt, drei digital. Findige Zeitgenossen könnten sich so also eine Art 96fachen Unisono bauen.

    Vielleicht sollte auch noch erwähnt werden, daß die K2000 auch als vollwertiger Sampler erhältlich war. Und wenn sie kein vollwertiger Sampler ist, kann sie zu einem aufgerüstet werden, wobei die Aufrüstung nur die Möglichkeit des Sample-Editierens und einen Satz Audioeingänge umfaßt. RAM-Samples laden und abspielen kann jede K2000 mit genug Sample-RAM (70-Pin-SIMMs, maximal 64 MB). Die K2000 soll Programme von Ensoniq (EPS & Co.) laden können, außerdem Samples von Akai (S1000) und Roland (S760).

    Presets und Userspeicher: Die XP-80 kommt mit 512 Werkspresets, davon 128 General MIDI (von denen einige aber durchaus tauglich sind), und 128 Userspeichern für Patches, die naturgemäß schon belegt sind. Die Sounds gehen natürlich querbeet, also reichlich Naturinstrumente, aber auch einiges Elektronisches (keine Angst, die XP-80 hat auch Standardwellenformen als Samples). Wer sie im Multimode fahren will, dem stehen nur 32 belegbare Performance-Speicherplätze zur Verfügung, die jeweils 16 Parts umfassen und die XP-80 auch sehr masterkeyboardtauglich machen. Es ist übrigens auch sehr einfach, in voller Fahrt einzelnen Parts lokal, beim Senden oder beim Empfangen an- und abzuschalten. Noch ein Feature der XP-80 ist, daß man jedem Part einen eigenen MIDI-Kanal zuweisen kann und auch mehrere Parts denselben Kanal haben können. Wer mehr Wellenformen und/oder Presets braucht, kann bis zu vier von 19 SR-JV80-Erweiterungskarten mit eigenen Samples, jeweils bis zu 256 neuen Patches und manchmal sogar eigenen Drumkits einbauen.

    Die K2000 hat nur 200 Werkspresets und entsprechend auch weniger ROM-Samples, ist also eher weniger was zum Anschalten und Loslegen, zumal viele der Presets eher aus der Abgefahren-Ecke kommen. Dafür aber hat sie in jeder (!) Speicherkategorie 1000 Plätze, also 800 freie User-Programme und 900 freie User-Setups, die jeweils drei Multimode-Parts bedienen. Nebenher sollte erwähnt werden, daß die K2000 wie ein Proteus immer im 16fachen Multimode läuft. Wenn man sie direkt am Keyboard spielt, merkt man davon wenig. Im Program-Mode kann man zwar alle 16 Parts durchschalten, aber nur einen spielen. Im Setup-Mode kann man bis zu drei Parts spielen. Aber wenn man ein anderes Keyboard an den MIDI In hängt, kann man in jedem Modus alle 16 Parts spielen, das heißt, solange sie nicht entsprechend abgeschaltet sind. An Erweiterungen gibt es zwei ROM-Sätze, deren Einbau ein Daughterboard erforderlich macht: den Contemporary ROM (mit Brot-&-Butter-Sounds) und den Orchestral ROM (mit Orchestersounds). Die nehmen den 800er bzw. 900er Speicherblock ein, und wenn man beide hat, ist auch der 700er weg, weil es Sounds gibt, die von beiden ROMs Gebrauch machen. Aber wie gesagt, in den Kurzen kann man im Gegensatz zur XP-80 auch ganz neue Samples reinladen.

    Effekte: Die XP-80 hat zwar nur einen Effektstrang, aber der ist dreigeteilt in Modulationseffekt, Chorus und Reverb. Den Modulationseffekt kann man im Multimode entweder selbst wählen oder aus einem der Parts übernehmen. Für jeden Part individuell sind die Send-Anteile regelbar, auch zwischen den Effektblöcken, so daß man für einzelne Parts auch einzelne Blöcke ganz rausdrehen kann. Wahlweise kann man Parts auch auf eine Effektstruktur ohne Modulationseffekt schalten oder auf eine Struktur ganz ohne Effekte, die zum Direct Out geht. Leider können die Effekte bisweilen etwas noisy werden, aber das trifft auch auf die Klangerzeugung zu, wenn man die XP-80 wirklich leise dreht.

    Der alte Digitech-Effektprozessor der K2000 ist nicht nur qualitativ fragwürdig, sondern auch weniger flexibel. Da gibt es Modulationseffekt, Chorus und/oder Reverb nur als ganzes Paket fürs ganze Gerät, und der Dry/Wet-Anteil ist nur für alle Parts gleichzeitig regelbar. Man kann aber Abhilfe schaffen: Die vier Einzelausgänge des Keyboards bzw. die acht Einzelausgänge des Rackmoduls sind alle auch als Insertbuchsen geschaltet. Wenn man nun ein Program nicht auf den Mix Out routet, sondern auf einen oder ein Paar der Einzelausgänge, und da ein externes Effektgerät anschließt, geht das Signal über diese Einzelausgänge ins externe Effektgerät, wird da bearbeitet, geht zurück in den Kurzen und zum Mix Out raus, ohne den Digitech zu durchlaufen. Wenn man z. B. zwei Lexicon MX400 in eine K2000RS patcht, hat man schon gewonnen.

    Sequencer: In der XP-80 arbeitet der x-te Neuaufguß des an sich sehr durchdachten MC-500, der da MRC Pro heißt. Der ist natürlich nicht mit einem GenoQs oder einer Revolution vergleichbar, aber als Song- und Patternsequencer schon sehr brauchbar. Es gibt 16 Spuren, die jeweils (!) mit allen 16 Parts bespielt werden können, so daß man 256 virtuelle Spuren hat, also nix mit Spur 1 fest auf Part 1 mit MIDI-Kanal 1 geroutet. Editiermöglichkeiten gibt es reichlich, natürlich ohne Drag & Drop, wir reden von einer Hardware-Workstation von 1996. Patterns gehen pro Song bis zu 100, die sich nicht nur über den Songsequencer auslösen lassen, sondern auch händisch per Realtime Phrase Sequencer. Man tippt eine Taste an, und ein Pattern legt los entweder sofort oder zur nächsten Zählzeit oder zum nächsten Takt. Die Patterns lassen sich im RPS auch in mehrere Mutegruppen packen, und es lassen sich Stoptasten definieren. Ob man die Patterns dann auch in Echtzeit verändern kann, da bin ich mir nicht sicher, wahrscheinlich eher nicht, und dedizierte Bedienelemente dafür à la TB-303 gibt's eh keine. Der Sequencer selbst gilt als sehr tight nach 90er-Jahre-Maßstäben; es ist wahrscheinlicher, daß man die Klangerzeugung mit etlichen schnellen Hüllkurven in die Knie zwingt (ist mir passiert beim Versuch, Equinoxe 4 nur auf der XP-80 zu spielen). Einen Arpeggiator hat die XP-80 auch, der sogar ein paar mehr als die üblichen Standardpatterns hat, die sind aber eher zum Antesten von Presets geeignet, Katzendarm-Strum etc., und selbst programmieren kann man da auch nichts.

    Den Sequencer der K2000 kenn ich nicht weiter, weiß aber zu berichten, daß es ab OS V3 einen ganz neuen Sequencer mit 32 Spuren gab, die jeweils fest geroutet sind: 16 auf die interne Klangerzeugung, 16 auf den MIDI Out, alle auf jeweils ihren festen Part/Kanal. Patterns gehen wohl auch, aber nicht so elegant wie in der XP-80. Einen Arpeggiator gibt es gar nicht.
     
  5. Anonymous

    Anonymous Guest

    Hier noch einige Kommentare zum genialen K2000 Sequencer.
     

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