Ich danke für die inhaltliche Auseinandersetzung und dafür, dass der Ton an dieser Stelle sachlich und fachlich bleibt.
Du weichst in deiner Antwort teilweise auf „Glück“ bzw. Belohnungs- und Bewertungssysteme aus und beantwortest damit nicht direkt die Frage nach Schönheit, Inspiration und ästhetischem Empfinden als spezifischer Form des Erlebens.
Dass neuronale Prozesse, Chemie oder evolutionäre Mechanismen eine Rolle spielen, steht außer Frage. Entscheidend ist, ob die funktionale Beschreibung dieser Prozesse bereits das qualitative Erleben vollständig erklärt.
Du sagst im Kern: „Wir können Qualia nicht messen, weil wir nicht die andere Person sind.“
Genau das markiert jedoch nur die Grenze der Außenperspektive und nicht die Frage nach der Struktur des Erlebens selbst.
Auch der Verweis auf C. elegans beschreibt zwar Lern- und Bewertungsänderungen, beantwortet aber nicht, ob und warum diese Prozesse überhaupt mit einem subjektiven „Wie-es-sich-anfühlt“ verbunden sind.
Wenn du dich auf die alltägliche Einsicht stützt, dass selbst Kindern auffällt, dass wir nie sicher wissen können, ob andere Menschen Farben genauso erleben wie wir selbst, dann bestätigst du damit vor allem die Grundstruktur des Problems.
Genau daraus ergibt sich die klassische Frage nach den Qualia, die zu den zentralen Problemen der Philosophie des Geistes gehört und in sehr unterschiedlicher Form bei Plato, Kant, Heidegger, Wittgenstein und anderen zentralen Positionen der Philosophie des Geistes behandelt wurde.
Daraus folgt als philosophische Binsenweisheit:
Es besteht eine grundlegende Unterscheidung zwischen der funktionalen Beschreibung eines Prozesses und der Perspektive, in der dieser Prozess als Bedeutung, Erleben oder ästhetische Qualität erscheint.
Ein einfaches Beispiel aus der Kunst zeigt diese Unterscheidung besonders deutlich: Ein Künstler, der ein Bild malt, kann vollständig als ein Prozess beschrieben werden, in dem visuelle Wahrnehmung, motorische Kontrolle, Farbverarbeitung und erlernte Muster der Bildkomposition zusammenwirken. Diese Beschreibung erfasst die objektivierbaren Abläufe.
Gleichzeitig erlebt der Künstler das Malen nicht nur als technischen Vorgang, sondern als einen Prozess von Auswahl, Ausdruck und ästhetischer Gestaltung, in dem bestimmte Formen und Farben als stimmig oder unpassend empfunden werden.
Auf der anderen Seite steht der Rezipient, der das fertige Bild betrachtet. Auch er verarbeitet es zunächst als visuelle Struktur und entwickelt daraus eine eigene ästhetische Bedeutung, in der das Werk als schön, irritierend oder tief erlebt werden kann. Diese Bedeutung ist jedoch nicht identisch mit dem Entstehungsprozess des Künstlers, sondern entsteht eigenständig in der Wahrnehmung des Betrachters.
Genau in dieser Differenz zwischen Entstehung und Wahrnehmung wird sichtbar, dass die funktionale Beschreibung zwar alle Abläufe vollständig erfassen kann, die ästhetische Bedeutung jedoch erst in der jeweiligen Perspektive von Produktion und Rezeption erscheint.
Und das ist auch ein sehr schwerwiegender Punkt in der KI-Technologie, weil KI-Systeme bisher im Wesentlichen funktionale, also formal beschreibbare Muster aus Daten lernen und reproduzieren. Sie operieren damit auf derselben Ebene, auf der auch naturalistische und evolutionär erklärbare Strukturen modelliert werden können, ohne dass damit bereits geklärt wäre, ob oder wie daraus phänomenales Erleben entsteht. Wenn KI-Systeme irgendwann in der Lage wären, nicht nur funktionale Strukturen zu modellieren, sondern auch Modelle zu entwickeln, die Aspekte von Wahrnehmung, Bedeutung oder subjektivem Erleben in irgendeiner überprüfbaren Form abbilden oder vorhersagen, würde sich die Frage nach Bewusstsein, Bedeutung und ästhetischer Erfahrung in der KI-Technologie grundlegend neu stellen, weil dann zumindest ernsthaft diskutiert werden müsste, ob solchen Systemen eine Form von Bewusstsein zugeschrieben werden kann.