Der Witz am Sechsachteltakt ist ja, dass zwei Sechsachteltakte zusammen einen Zwölfachteltakt ergeben und man dadurch wieder in ein größeres Vierer-Raster kommt. Ich habe irgendwann aufgehört, nur in einzelnen Takten zu denken: Ein Takt ist immer nur ein Ausschnitt aus einer größeren rhythmischen Struktur. Im 6/8-Takt liegt der Hauptakzent auf der Eins, mit einem Nebenakzent auf der Vier, im 4/4-Takt liegt der Hauptakzent auf der Eins und im größeren Zusammenhang entsteht der Nebenakzent auf der Fünf, genauso wie im 3/4- oder 7/5-Takt wieder andere Bezugspunkte entstehen. Genau mit diesen verschiedenen Akzentuierungen, die sich immer wieder an der gemeinsamen Eins treffen, kann man spielen, indem man Akzente gezielt setzt, weglässt oder verschiebt. Für mein Empfinden und nach meiner Erfahrung ist diese bewusste Kontrolle der Akzentebenen ein viel mächtigeres rhythmisches Werkzeug, als einfach nur einen globalen Shuffle oder Swing-Faktor auf 75 Prozent zu stellen. Da beginnt die eigentliche rhythmische Modulation und die kreativen Möglichkeiten. Wenn man jetzt noch die Bassline, die Leadstimme und andere Elemente ebenfalls in krummen Taktmaßen mit einbaut, sind die Möglichkeiten schier unerschöpflich.Es ist dann relativ einfach, daraus etwas Funktionelles zusammenzustellen. Es muss nicht kompliziert sein, sondern einfach innerhalb der kreativen Strukturvorgabe konzeptionell und logisch funktionieren.
Was Rock, Disco, Reggae und andere Stilrichtungen betrifft, kommen noch eigene Akzentuierungen hinzu, die unabhängig von der gemeinsamen Eins funktionieren. Beim Reggae liegt der typische Schwerpunkt beispielsweise oft auf der Drei, im Rock häufig auf der Zwei und Vier. Das sind die Klassiker, aber besonders lehrreich fand ich damals die alten Drum Sheets der Roland-Drumcomputer, in denen Bossa Nova, Salsa, Merengue und andere Grooves als Patterns dargestellt werden. Interessant ist dabei vor allem die Verteilung der Akzente innerhalb dieser Patterns. Gerade an einer vermeintlich einfach aufgebauten Maschine wie der Roland TR-606 sieht man, wie mächtig dieses Prinzip ist: Allein durch gezielte Akzentuierung kann ein statischer Beat plötzlich anfangen zu schieben, zu ziehen und zu grooven.