Hallo,
"Berechtigung" kann im juristischen, ethischen, marktwirtschaftlichen und ästhetischen Sinn verstanden werden.
Juristisch ist wohl in Ordnung, was Herr
Behringer tut. Ich gehe davon aus, dass eine so große Firma alle Patent- und Gebrauchsmusterschutzansprüche geprüft haben wird.
Was juristisch kein Problem ist, muss ethisch längst nicht gut sein. Ethik und Recht sind in modernen Gesellschaften - leider - selten dasselbe. Es wäre z.B. juristisch überhaupt kein Problem, wenn ich meine Kumpels beim Tapezieren helfen lasse, aber nie einspringe, wenn sie Hilfe brauchen. Da kein Vertrag über gegenseitige Hilfe abgeschlossen wurde, ist kein Richter zuständig. Hier würde ich juristisch nicht kodifizeirte Normen gebrochen. Eine ist, dass man auch dann niemanden ausnutzt, wenn man es könnte.
Wie liegt es denn ethisch bei Behringers
Moog Kopie? Welche juristisch nicht kodifizierten Normen werden hier gebrochen? Nutzt Herr Behringer jemanden einseitig aus? Bob Moog kann man nicht mehr ausnutzen.
Uli behringers Modell D ist auch deswegen so günstig, weil die Arbeiter sehr viel weniger verdienen als ihre amerikanischen Kollegen bei Moog. Hier macht Herr Behringer, was nach marxistischer Analyse alle Kapitalisten tun. Sie bereichern sich an dem Teil des geschaffefene Mehrwertes. Das ist der Teil, der nach Abzug der Lohn-, Material- und Energiekosten noch übrig bleibt. Der Trick ist nämlich, dass sich die Löhne nicht aus dem Wert des Produktes, sondern aus den Lebenshaltungskosten berechnet. Die sind in den USA nun mal höher.
In sofern ist es vielleicht ethisch verwerflich, was Uli Behringer tut. Aber das hat mit dem Modell D nichts zu tun, sondern mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem insgesamt. Leider sind die letzten Versuche andere Systeme zu etablieren gescheitert. Darum wollen wir ihm das nicht ankreiden.
Bleibt noch, ob Behringers Modell D im ästhetischen Sinn berechtigt ist. Also im Sinne der Kunst. Und ich glaube, dass ist die Stelle, an der die meisten von uns und auch ich ein flaues Bauchgefühl haben. Musikinstrumente sind ja auch Prdoukte der Kultur und unterliegen wie Löffel, Sessel, Lampen, Autos usw. ästhetischen Kriterien. Damit ist nicht nur die Außengestaltung gemeint, sondern auch die Haptik, der Klang und die Kreativität beim Erfinden eines Produktes.
Hier war Bob Moog einstmals ein absoluter Vorreiter. Er hat Geräte geschaffen, die höchsten ästhetischen Ansprüchen genügten. Heute ist die Firma Moog bei weitem nicht mehr so kreativ. Bob Moog musste mit seinen Geräten erst einen Markt schaffen, Uli Behringer erntet ihn ab.
Der Unterschied zwischen beiden ist zum Teil vergleichbar mit der Literatur. Trival- und Groschenliteratur wird genau auf den Leser und seine Erwartungen zugeschnitten. Wärend Hochliteratur diesen Kriterien nicht unterliegt. Sie enttäuscht Lesegewohnheiten ja absichtlich oft.
Wenn ich mir einen Roman von Dan Brown kaufe, weiß ich exakt was ich bekomme - keine Experimete: Realistische Erzählweise, vermutlich handwerklich auch gut gemacht mit einer spannenden Handlung usw. All das wurde aber auch einmal erfunden und war neu. Ich denke da an Gerstäcker, H.G. Wells, Conan-Doyle, Melville oder Lovecraft. Dan Brown bedient sich für mein Kunstempfinden zu offensichtlich bei diesen und versucht immer wieder genau für die Erwartungen des Publikums zu schreiben. Mit seinem Fähigkeiten geht viel mehr.
Ich hätte mir gewünscht, wenn Uli Behringer einen Schritt weiter als das Modell D gegangen und über eine bloße verkleinerte Kopie hinausgekommen wäre. So wie es ist, ist behringers D durchausbar marktanalytisch: Moog ruft hohe Preise auf. Die Leute wollen trotzdem diesen Klang aus einem echten Gerät und keinem VST. Wir könnten das für einen Bruchteil des Preises machen, also machen wir es. Das ist juristisch OK, ethisch immerhin so OK, wie OK Kapitalismus sein kann. Was solls.
Wie wäre es aber z.B. mit einem zusätzlichen analogen Delay mit dem neben Flanging und Chorus auch Karplus-Strong möglich ist? Oder warum nicht ein polyphoner Sampler im Gerät? Das sind noch konservative Erweiterungen, weil sie das Konzept des Modell D nicht einmal ankratzen, sondern sich einpassen.
Viele Grüße
Martin