Wenn dich die 2000er geprägt haben, wundert es mich nicht, dass du das anders siehst.
Hör dir einfach mal Compilations aus den 90ern an. Ganz egal ob Trance, Techno, IDM oder House.
Die Behauptung, dass damals alle mit denselben Signalketten gearbeitet hätten, halte ich für fragwürdig.
In kleinen Studios war eher das Gegenteil der Fall.
Andere Pulte, andere Sampler, andere Hallgeräte, andere Kompressoren, andere Synthesizer.
Schon der Wechsel eines einzigen zentralen Gerätes konnte einem Track eine andere klangliche Identität geben.
Fast jeder arbeitet in einer DAW mit transparentem Summing. Fast jeder nutzt ähnliche Werkzeuge für EQ, Dynamikbearbeitung,
Resonanzkontrolle, Saturation und Limiting. Ob nun Fabfilter, Kirchhoff, Soothe, Gulfoss oder die jeweiligen Alternativen: Die Ergebnisse liegen oft deutlich näher beieinander
als die Unterschiede zwischen einem alten Mackie-8bus, einem Soundcraft, einem Akai doer emu Sampler oder einem Lexicon oder Alesis Hallgerät.
Dazu kommen etablierte Produktionsstandards. Viele Produktionen folgen denselben Lautheitszielen, denselben Mixing-Prinzipien
und denselben ästhetischen Erwartungen.
usw usf
Das bedeutet nicht, dass es heute keine guten Ideen mehr gibt. Das habe ich nie behauptet. Die Frage ist doch eher, wo denn die Werke sind,
die sich wirlich inhaltlich und klanglich absetzen?
Es ist einfach nicht so, dass es heute kaum gute Ideen gibt, nichts neues oder außergewöhnliches oder das Handschrift oder Charakter fehlt.
Das könntest du ja mal belegen.
Die letzten Alben, die mich aufhorchen ließen, war Burial "Untrue", das war mal was Neues, danach vlt noch das was Aphex Twin aus der Mottenkiste kramte.
Alte Hasen haben abgebaut (siehe bspw Leftfield, Underworld, Chem Bros), können es aber noch und was sonst noch kam - und ich höre da wirklich viel, sehr viel, fast täglich 8 Std. und fast immer neue Musik
- war hin und wieder unterhaltsam, aber ohne im Kopf zu bleiben. Gut gemachtes, beliebiges Gedudel. Nicht mehr, nicht weniger, nichts was irgendwie bleibt und man sich in 20 Jahren nochmal anhören würde.
Wenn ich mir dagegen einen Großteil aktueller elektronischer Musik anhöre, höre ich oft hervorragend produzierte Tracks. Technisch beeindruckend, klanglich perfekt,
aber nur selten was, was wirtklcih nachhaltig festhängt.
Auch das aktuelle BoC Album - Gut gemacht, komplexer als vorherige, aber es bleibt nicht. Es steht im Schatten dessen, was sie vorher machten.
Vielleicht liegt das an meinem Alter. Vielleicht an einer Übersättigung durch das heutige Angebot. Vielleicht aber auch daran, dass technische Perfektion inzwischen
deutlich leichter erreichbar ist als eine wirklich unverwechselbare künstlerische Identität.
Ich idealisiere auch nicht die 90er, sondern habe sie als Zeitpunkt wahrgenommen, ab dem eine Art Bruch passierte.
Nach der Jahrtausendwende kam nicht mehr so viel und ich verbinde das sehr mit dem Einzug der digitalen Produktion innerhalb
einer DAW und dem Einzug von Plugins.