Moin!
Mich beschäftigt seit einiger Zeit etwas, das wahrscheinlich nicht nur Musikproduktion betrifft.
Ich mache seit Anfang der 90er Musik, seit Anfang der 2000er bis 2010 ein paar kleinere Releases
im Dance/Trance Bereich gehabt, eigtl alle Ziele erreicht, die cih so erreichen wollte. War auf den Compilaltions, die ich immer kaufte,
auf namhaften Labels, CD, Vinyl, und auch einiges an Remixen.
Damals hatte ich bei fast jedem Track schon nach wenigen Minuten eine Vision: Ich wusste,
wie er am Ende klingen und sich anfühlen sollte. Der eigentliche Produktionsprozess war dann eher nur noch das Umsetzen dieser Idee.
2010 war ich dann musikalisch komplett ausgebrannt, nichts ging mehr, alles verkauft. Jeder Track war dann nur noch Schema F,
ich war nicht mehr in der Lage die Grenzen des Schaffens zu durchbrechen, wie eine Gewohnheit, die sich langsam antrainiert hat.
Ein paar Jahre später habe ich wieder bei null angefangen. Seitdem habe ich über viele Jahre ein Studio aufgebaut, mich technisch weiterentwickelt
und beschäftige mich täglich mit Musikproduktion, Mixing, Sounddesign und Hardware, spiele sehr viel rum.
Das Paradoxe:
Ich habe heute wesentlich mehr Wissen, mehr Erfahrung und besseres Equipment als damals... aber deutlich weniger "Vision" oder "Inspiration"
Nicht weil mir Technik fehlt oder so - Reduktion auch schon probiert. Das ist nicht so das Problem!
Ich setze mich hin, baue Sounds, programmiere Drums, schraube Synths... Habe eigtl ständig Initialideen, die man gut ausproduzieren könnte.
und irgendwann merke ich, dass ich eigentlich gar nicht weiß, wohin der Track will oder wohin ich will.
Früher hatte ich das Ziel zuerst und den Track danach. Heute ist es oft umgekehrt.
Dazu kommt, dass die Musikwelt heute völlig anders ist als vor 20 Jahren. Möchte nicht, dass es rüberkommt ich würde nur jammern, bitte nicht
falsch verstehen - Ich schreibe einfach frei Schnauze -
Damals gab es Szenen, Magazine, MTV/VIVA, Labels und klar erkennbare Strömungen. Man hatte das Gefühl, Teil einer Kultur zu sein.
Da lief dann Kai Tracid im Radio und Abends auf MTV Aphex Twin, Squarepusher und Massive Attack
Heute gibt es zwar objektiv mehr Musik als je zuvor, aber durch Streaming und Algorithmen wirkt alles gleichzeitig fragmentierter, alles schwer zu finden und
es macht mich echt müde... abturn, echt... Hunderte Tracks hören für ne handvoll Perlen.
Ich höre unglaublich viele verschiedene Richtungen (Techno, Trance, IDM, Dub Techno, Breaks, Trip Hop, Ambient, Big Beat, aber auch Klassik, Rock, Metal usw.), aber genau das macht es manchmal schwer, den eigenen Platz zu finden.
Ich frage mich inzwischen, ob mein Problem überhaupt ein Genreproblem ist oder ob mir einfach nur eine klare musikalische Identität fehlt?
Oder eine Szene? Oder ein kreative Kkompass?
Mich würde interessieren:
- Hat jemand etwas ähnliches erlebt?
- Wie habt ihr eure musikalische Identität wiedergefunden?
- Gab es einen konkreten Wendepunkt oder Prozess?
- Habt ihr irgendwann aufgehört in Genren zu denken und stattdessen nach einer eigenen Handschrift gesucht?
Mich interessieren vor allem Erfahrungen von Leuten, die schon viele Jahre Musik machen und nicht nur am Anfang ihrer
Produzentenlaufbahn stehen.
Disclaimer: Ich freue mich über jede sachliche Antwort... unabhängig davon, ob sie meiner Sicht widerspricht. Worauf ich gerne verzichten würde,
sind persönliche Sticheleien der üblichen Verdächtigen. Dafür ist mir das Thema zu wichtig. Danke.